Gesundheitskonferenz 2026: „Gibt es ein Zuviel an Medizin?“
Ursachen und Folgen von medizinischer Über-, Unter- oder Fehlversorgung waren das Thema der 20. Gesundheitskonferenz am 9. Juni 2026.
Rund 250 Besucherinnen und Besucher nahmen an der Konferenz teil, zu der der Gesundheitsfonds Steiermark in den Messecongress Graz lud.
„Ich will, dass die Steirerinnen und Steirer rascher zum Termin und schneller zur Behandlung kommen und damit das gelingt, müssen die Ressourcen bestmöglich eingesetzt werden. Unser solidarisches Gesundheitssystem kann aber auf Dauer nur dann funktionieren, wenn es auch solidarisch in Anspruch genommen wird. Über- Unter- und Fehlversorgung belasten die Patienten und das Gesundheitssystem gleichermaßen. Um die bestmögliche Versorgung und kürzere Wartezeiten sicherstellen zu können, braucht es neben der verantwortungsbewussten Inanspruchnahme auch ständige Reformen, Anpassungen und Veränderungen,“ betont Gesundheitslanderat Karlheinz Kornhäusl. Im Hinblick auf die notwendigen Reformen im Gesundheitswesen warnt Kornhäusl aber vor einem zahlengetriebenen Diskurs: „Ein Gesundheitssystem scheitert, wenn jene entscheiden, die Kosten sehen – und nicht jene, die Menschen sehen, denn wenn Buchhaltung das Sagen hat, entsteht Verwaltung, wenn Medizin führt, entsteht Versorgung.“
„Jede medizinische Leistung sollte einen Nutzen für die Patientinnen und Patienten haben. Umso wichtiger ist es, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen und gemeinsam Lösungen für eine bedarfsgerechte, hochwertige Gesundheitsversorgung zu entwickeln. Einen besonderen Schwerpunkt setzt die ÖGK auf den Ausbau von Primärversorgungseinheiten (PVE). In der Steiermark gibt es bereits 25 PVE davon zwei Kinder und Jugend PVE, die einen niederschwelligen Zugang für unsere Versicherten ermöglichen. Gerade in Zeiten begrenzter personeller und finanzieller Ressourcen ist ein verantwortungsvoller Umgang mit medizinischen Indikationen unerlässlich. Unser Ziel ist es, bestehende Probleme im System zu analysieren, evidenzbasierte Verbesserungen anzustoßen und die Gesundheitsversorgung in der Steiermark nachhaltig weiterzuentwickeln“, heben die beiden Vorsitzenden des Landesstellenausschusses Steiermark Beatrice Erker und Josef Harb hervor.
Lösungsansätze für Herausforderungen
Michael Koren und Gernot Leipold, Geschäftsführer des Gesundheitsfonds Steiermark: „Bereits zum 20. Mal schaffen wir mit der Gesundheitskonferenz einen Raum, in dem sich sowohl Entscheidungsträger, als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im steirischen Gesundheits- und Pflegesystem über aktuelle Themen informieren und austauschen können. Wir wollen Themen aus unterschiedlichen Gesichtspunkten beleuchten und Lösungsansätze für bestehende Herausforderungen finden. Eine dieser Herausforderungen sind die beschränkten Ressourcen. Wenn wir unser Gesundheitssystem auch in Zukunft solidarisch und fair planen, steuern und finanzieren wollen, müssen wir mit den Möglichkeiten moderner Medizin verantwortungsvoll umgehen und die Patientenlenkung verbessern. Dies ist keineswegs eine Einschränkung für die Patientinnen und Patienten, sondern sichert langfristig unser Gesundheitssystem ab und verbessert die Versorgungsqualität.“
„So werden wir unser gutes Gesundheitssystem ruinieren“
„Wann wird Medizin zu viel? – Ethische Grenzen und Verantwortung“ war das Thema des Vortrags von Medizinethikerin Barbara Friesenecker. Die Fachärztin für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Vorsitzende der „ARGE Ethik in Anästhesie und Intensivmedizin“ der österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) appelliert: Gerade in Zeiten zunehmend beschränkter Budgets muss die Vermeidung von Übertherapie noch mehr in den Fokus ärztlicher Aufmerksamkeit rücken. „Wir brauchen eine medizinisch geleitete Rationalisierung im Gesundheitssystem, um eine betriebswirtschaftlich gesteuerte Rationierung möglichst lange zu vermeiden.“ Gefordert seien hier in erster Linie die Ärztinnen und Ärzte, „in dem wir rechtzeitig Entscheidungen zur Therapiezieländerung von Heilung Richtung Palliation treffen, sobald sich ein realistisches Therapieziel nicht oder nicht mehr erreichen lässt und damit die unter Umständen technisch noch machbare Therapie für Patientinnen und Patienten keinen Nutzen mehr hat“. Unerlässlich dazu sei es, die Medizinerinnen und Mediziner in Richtung gut begründete Entscheidungsfindung zu trainieren und Medizinrecht und -ethik verpflichtend sowohl ins Studium als auch in die postpromotionelle Ausbildung zu integrieren.
So könnte man auch zu den rechtlichen Rahmenbedingungen besser aufklären. Derzeit besteht oft große Angst, durch „Unterlassen einer technisch machbaren Therapie, auch wenn sie für erkrankte Menschen keinen Nutzen mehr hat“ vor dem Richter zu stehen. Erstaunlicherweise sind die strafrechtlichen Konsequenzen für Übertherapie immer noch wenig im Fokus ärztlicher Sorge. Für Friesenecker steht außer Frage: „Wenn ich Übertherapie, also eine Therapie ohne Indikation durchführe, nur weil sie technisch machbar ist, dann ist das Körperverletzung und damit ein Straftatbestand – und das findet in aller Regelmäßigkeit in unseren Krankenhäusern statt. Wenn wir weiterhin Angst vor dem ‚zu wenig tun‘ haben, aber nicht vor dem ‚zuviel‘, werden wir neben dem verursachten menschlichen Leid zusätzlich unser gutes und derzeit noch solidarisches Gesundheitssystem ruinieren“, warnt die Medizinethikerin.
- Zum ausführlichen Interview mit Barbara Friesenecker …
- Präsentation zum Vortrag von Barbara Friesenecker als PDF
Überversorgung kann Nachteile für Patientinnen und Patienten haben
Auf die ökonomische Perspektive der Überversorgung ging Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH, ein. „Österreich hat im EU-Vergleich etwa eineinhalb Mal so viele Hüftprothesen und zählt auch bei den Knieprothesen sowie MRT- und CT-Untersuchungen zu den Spitzenreitern. Gleichzeitig haben wir deutlich höhere Hospitalisierungsraten als etwa die Niederlande – bei uns sind es im Schnitt 190 pro Tag, in den Niederlanden 80. Da müssen wir näher hinschauen. Nicht jede Leistung oder jeder Eingriff bringt automatisch einen zusätzlichen Nutzen für jede Patientin oder jeden Patienten und dient damit der Verbesserung deren Gesundheit und/oder Lebensqualität. Im schlimmsten Fall kann Überversorgung sogar für Patientinnen und Patienten zu Nachteilen führen.“ Dies müsse den Patientinnen und Patienten schlüssig kommuniziert werden. Als Schlüssel sieht Ostermann sieht hier eine gut ausgebaute Primärversorgung, die ein kontinuierliches Versorgungssetting für die Patientinnen und Patienten ermöglicht. „Ein Arzt oder einer Ärztin, dem bzw. der man vertraut, kann verständlich vermitteln, dass nicht jede Kniebeschwerde automatisch ein MRT braucht oder gar zwingend sofort mit einer Operation behandelt werden muss. Maßvoller Ressourceneinsatz bedeutet nicht schlechtere Versorgung – ganz im Gegenteil: Er kann die Gesundheit der Bevölkerung sogar erhöhen.“
- Zum ausführlichen Interview mit Herwig Ostermann …
- Präsentation zum Vortrag von Herwig Ostermann als PDF
Bessere Patientenlenkung ist erforderlich
Alexander Rosenkranz, Vizerektor der Medizinischen Universität Graz und Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin des LKH-Univ. Klinikums Graz, brachte bei der Gesundheitskonferenz die Perspektive der Krankenhäuser und bestehende „Probleme im System“ zur Sprache. Der Internist und Nephrologe betonte: „Eine hohe Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen bedeutet nicht automatisch Überversorgung. Häufig sehen wir vielmehr strukturelle Probleme im System – fehlende Patientenlenkung, Sicherheitsbedürfnisse, defensive Medizin und Versorgungslücken außerhalb des Krankenhauses. Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten die richtige Versorgung zur richtigen Zeit am richtigen Ort erhalten.“
- Zum ausführlichen Interview mit Alexander Rosenkranz …
- Präsentation zum Vortrag von Alexander Rosenkranz (PDF)
Stärkere Gesundheitskompetenz und Verteilungsgerechtigkeit
In der Podiumsdiskussion gab Reingard Glehr-Schöberl, Hausärztin in Hartberg, Einblick in den niedergelassenen Bereich und betonte: „Neben möglichen Nebenwirkungen oder Komplikationen von nicht indizierter Diagnostik oder Therapie für das Individuum, bedeutet in einem solidarischen Gesundheitssystem Überversorgung von Einigen auch Unterversorgung von Anderen. Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung sowie das Problembewusstsein bei Gesundheitsdienstleistern müssen weiter gestärkt werden.“
Die steirische Patientenanwältin und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der PatientInnen- und Pflegeanwaltschaften Michaela Wlattnig brachte die Perspektive der Patientinnen und Patienten ein: „In der gesundheitlichen Versorgung geht es (auch) darum, nicht gebotene Therapien, die zwar technisch machbar sind, zu vermeiden. Ein „Zuviel an Medizin“ schadet in erster Linie den Patientinnen und Patienten, aber auch den im System Tätigen (Behandlungsteams Angehörigen) und der Gesellschaft. Patientinnen und Patienten brauchen bei einem medizinischen Problem in erster Linie Ansprechpartnerinnen und -partner, um die Sorgen zu nehmen und gemeinsam die weiteren Schritte zu planen. Die medizinische Indikation als Grundlage für eine Behandlung muss immer im Kontext eines Therapieziels und der Autonomie der Patientinnen und Patienten gesehen werden. Im Mittelpunkt aller Überlegungen sollte die Patientin bzw. der Patient und deren gebotene Versorgung im Sinne einer ‚Verteilungsgerechtigkeit‘ stehen“.













