„Wir haben ein Problem im System“
Die Gesundheitskonferenz am 9. Juni 2026 im Messe Congress Graz widmet sich der Frage: „Gibt es ein Zuviel an Medizin?“ Die Perspektive der Krankenhäuser wird dabei Alexander Rosenkranz einbringen. Der Vizerektor der Medizinischen Universität Graz und Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin des LKH-Univ. Klinikums Graz geht dabei auch auf bestehende „Probleme im System“ ein.
„Das österreichische Gesundheitswesen wird häufig vorschnell als ‚System der Überversorgung‘ beschrieben – differenzierter betrachtet zeigt sich jedoch ein komplexeres Bild“, ist Rosenkranz überzeugt. Der Internist und Nephrologe betont in diesem Zusammenhang: „Hohe Inanspruchnahme der Versorgung heißt nicht automatisch, dass es eine Überversorgung gibt, sondern dass wir ein Problem im System haben.“
Sicherheitsbedürfnis und freier Zugang
Der Vizerektor der Medizinischen Universität Graz über die Rahmenbedingungen, die dieses „Problem im System“ fördern: „Ein Aspekt dabei das Bedürfnis nach maximaler Sicherheit bei den Patientinnen und Patienten, das auch verständlich ist.“ Wer plötzlich Druck im Brustbereich verspürt, ist verunsichert und hat Angst. Auch bestehe der Wunsch, dass das Krankenhaus möglichst rasch erreichbar ist, weil allein die Nähe ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Hinzu kommt, dass vielfach klare Versorgungspfade und eine gezielte Patientenlenkung fehlen, ambulante Alternativen regional unterschiedlich verfügbar sind und der direkte Zugang zum System sehr niederschwellig ist. Gerade außerhalb der regulären Ordinationszeiten – etwa am Freitagnachmittag – bleibt oft nur die Notaufnahme.
„Absicherungsmedizin“
Auch die Ärztinnen und Ärzte selbst stehen unter Druck. Rosenkranz spricht von „defensiver Medizin“ oder „Absicherungsmedizin“. Um mögliche Risiken und Gerichtsverfahren zu verhindern, werden Untersuchungen durchgeführt, die oft wenig Nutzen für den Patienten bzw. die Patienten haben. Magnetresonanztomografien und andere bildgebende Verfahren sind rasch verfügbar – und werden (zu) häufig genutzt – nicht unbedingt, weil sie immer notwendig wären, sondern weil maximale Sicherheit angestrebt wird und weil der Zugang einfach ist.

Alexander Rosenkranz ist Vizerektor der Medizinischen Universität Graz und Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin des LKH-Univ. Klinikums Graz.
© VERDINO | Philipp Zach
Patientenlenkung als zentraler Faktor
Für Rosenkranz außer Frage: „Überversorgung ist selten das Ergebnis individuellen Fehlverhaltens, sondern wird durch die vorhin genannten Faktoren und zusätzlich die fehlenden Patientenpfade gefördert“. Patientenlenkung sei ein zentraler Faktor, denn eigentlich ist klar definiert, wann Menschen ein Krankenhaus benötigten: bei akuten Notfällen, invasiven Eingriffen, erforderlicher Überwachung oder Multimorbidität. Zusätzlich gibt es „Grauzonen“, die in den meisten Fällen eigentlich keinen Krankenhausaufenthalt erfordern. Rosenkranz nennt Diagnostik ohne therapeutische Konsequenz als typisches Beispiel. Auch soziale Faktoren oder fehlende Pflegeplätze spielen zunehmend eine Rolle.
Ineffizienter „Drehtür-Effekt“
Ein weiteres Problem ist der sogenannte „Drehtür-Effekt“. Patientinnen und Patienten werden aufgrund des Bettendrucks möglichst rasch entlassen, kehren jedoch kurze Zeit später wieder ins Krankenhaus zurück. Ursache dafür ist oft eine fehlende Versorgung bzw. Pflege nach dem Aufenthalt. Rosenkranz sieht darin eine große Ineffizienz des Systems.
Große Lücken im niedergelassenen Bereich
Besonders kritisch blickt er auf die kommenden Jahre, was die internistische Versorgungspfade angeht. Im ambulanten Bereich – vor allem auch in der Inneren Medizin – drohen Engpässe. „Im intramuralen Bereich haben wir ausreichend Ärztinnen und Ärzte. Außerhalb der Krankenhäuser sind die Rahmenbedingungen für Medizinerinnen und Mediziner aber oft nicht attraktiv genug und es gibt große Lücken, die sich künftig noch verschärfen werden“, verweist Rosenkranz auf die anstehenden Pensionierungen unter den niedergelassenen Internistinnen und Internisten. „Hier muss dringend gegengesteuert werden.“
Mehr tagesklinische Leistungen
Im stationären Bereich ist es in erster Linie der Mangel an Pflegekräften, der spürbar ist. Dieser kann aber auch eine Weiterentwicklung des Systems beschleunigen, Rosenkranz. „Wegen Personalmangels in der Pflege mussten vielerorts Betten gesperrt werden. Das war, neben anderen Faktoren, auch ein Beschleuniger für mehr tagesklinische Eingriffe, etwa bei den Herzkatheter-Operationen.“ Ein größerer Anteil an tagesklinischen Leistungen entlastet nicht nur das System, sondern auch die Patientinnen und Patienten, weil sich ihre Aufenthaltsdauer im Krankenhaus verkürzt. Damit zeigt sich sehr gut, wie ein „Weniger“ an Versorgung letzten Endes zum Vorteil der Patientinnen und Patienten ist.