Mit HerzMobil die Lebensqualität verbessern

Bereits zum zweiten Mal – diesmal in der Steiermark – trafen sich am 15. Juni 2023 Expert*innen der Bundesländer zum länderübergreifenden Austausch zur integrierten Versorgung von Patient*innen mit chronischer Herzinsuffizienz – kurz HerzMobil. Diese telemedizinische Lösung wurde laufend weiterentwickelt, neu ist die Integration in ELGA.

Telemedizinische und telepflegerische Lösungen sind ein wichtiger Baustein in der Weiterentwicklung des Gesundheitssystems. Ein Versorgungsprogramm, das eine wesentliche Verbesserung der Gesundheit unterstützt, ist HerzMobil. Eine aktuelle Erhebung bestätigt nun den deutlichen Mehrwert für die Herzinsuffizienz-Patient*innen: Die Sterblichkeit sowie die Rehospitalisierungsrate konnten deutlich reduziert und die Lebensqualität erhöht werden. Darüber hinaus ist das System sehr kosteneffektiv.

Herzinsuffizienz ist weit verbreitet

Jeder fünfte Mensch über 40 Jahren erkrankt an Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Österreichweit geht man Schätzungen zufolge von rund 300.000 Patient*innen aus. Von Herzinsuffizienz spricht man, wenn Beschwerden wie Atemnot, eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit oder Neigung zu Wassereinlagerungen auf eine Fehlfunktion des Herzens (Pumpversagen) zurückgeführt werden können.

Bereits seit 2017 als Projekt in der Steiermark

Eine Herzinsuffizienz ist nicht heilbar und die Mortalität liegt über jener von vielen Tumorerkrankungen. Dennoch ist mit der entsprechenden Therapie eine gute Lebensqualität möglich. Telemedizinische und telepflegerische Lösungen bieten ein großes Potenzial. Die technische Basis des Versorgungsprogramms HerzMobil wurde in den letzten 20 Jahren in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen medizinischen und klinischen Partnern aus Österreich vom AIT Austrian Institute of Technology entwickelt und durch das Grazer Unternehmen telbiomed – ein Spin-off des AIT mit Fokus auf digitale Gesundheitsdienstleistungen – für die Versorgung zur Verfügung gestellt und serviciert. Bereits seit 2017 ist das 2012 als Projekt gestartete HerzMobil in Tirol in der Regelversorgung.

HerzMobil Länderaustausch

v.l. Gerhard Pölzl (HerzMobil Tirol), Larissa Kühr (HerzMobil Kärnten), Elke Günther (AIT Austrian Institute of Technology – Center For Health for Health & Bioresources), Bernadette Taucher und Stefan Pötz (HerzMobil Steiermark), Bettina Fetz (HerzMobil Tirol)
© Gesundheitsfonds Steiermark

HerzMobil bietet großen Mehrwert für das Gesundheitswesen

„HerzMobil Tirol zeigt als sektorenübergreifender telemedizinischer Behandlungspfad, was Integrierte Versorgung als Betreuungsform der Zukunft leisten kann. Die telemedizinische und telepflegerische Versorgung durch ein interdisziplinäres und multiprofessionelles Netzwerk, die 2017 in Tirol als erstem Bundesland in der regulären Patient*innenversorgung eingeführt wurde, hat sich in den vergangenen Jahren mehr als bewährt. Darüber hinaus konnte ihr Mehrwert für das Gesundheitswesen eindeutig dargestellt werden. Der Paradigmenwechsel – nicht die Patient*innen kommen zum Mediziner, sondern die Versorgung kommt zu den Patient*innen – steigert die Lebensqualität der Betroffenen. Zudem hilft das koordinierte Vorgehen im Team gerade in dieser herausfordernden Zeit dem Personal- bzw. Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Mit dem Landesinstitut für Integrierte Versorgung Tirol gibt es eine österreichweit einzigartige Institution, die als zentrale Stelle die Umsetzung der integrierten Versorgung von chronisch Kranken vorantreibt. Diese neuartige Versorgungsstruktur ist entscheidend, um integrierte Versorgungsprogramme nachhaltig umzusetzen“, betont die Tiroler Gesundheitslandesrätin Cornelia Hagele.

Mehr als 2.000 HerzMobil-Patient*innen

In der Steiermark wird HerzMobil als Projekt seit 2017 vom Gesundheitsfonds Steiermark und der SV finanziert. Als drittes Bundesland hat Kärnten im Vorjahr mit dem telemedizinischen Versorgungsprogramm HerzMobil gestartet. Insgesamt wurden bereits mehr als 2.000 Patient*innen mit HerzMobil versorgt. Mehr über HerzMobil Kärnten lesen …

Behandlungen gezielter an Patient*innen anpassen

„Telemedizinische Lösungen sind ein wichtiger Baustein in der Weiterentwicklung des steirischen Gesundheitssystems. Wir waren nach Tirol das zweite Bundesland, das diese telemedizinische Lösung für Herzinsuffizienz-Betroffene eingeführt hat. Das Versorgungsprogramm HerzMobil ist steiermarkweit ausgerollt und jetzt geht es darum, auch eine laufende Finanzierung sicherzustellen. Denmächst ist es in der Steiermark auch möglich, dass die erfassten Messwerte aus dem standardisierten Telemonitoring Episodenbericht in ELGA abrufbar sind. Dadurch können z. B. auch Hausärzt*innen und weitere behandelnde Gesundheitsdiensteanbieter zentral auf die Daten zugreifen und ihre Behandlungen noch gezielter an die jeweiligen Patient*innen anpassen“, berichtet die steirische Gesundheitslandesrätin Juliane Bogner-Strauß die letzte Neuerung in der Steiermark.

Gemeinsames Positionspapier

Im Rahmen eines länderübergreifenden Austausches am 15. Juni 2023 wurden die neuesten Ergebnisse und Erfahrungen zu HerzMobil präsentiert. Neben aktuellen Aktivitäten bzgl. Nutzung der ELGA-Infrastruktur für HerzMobil und für die integrierte Versorgung wurde auch über zukünftige technologische Innovationen berichtet. Die vom Gesundheitsfonds Steiermark organisierte Veranstaltung wurde auch von Expert*innen aus allen Bundesländern für einen Status- und Informationsaustausch bzgl. der integrierten Versorgung von Herzinsuffizienz-Patient*innen genutzt und es wurde ein gemeinsames Positionspapier aktualisiert.

HerzMobil Länderaustausch - Gruppenbild 02

v.l. Bernadette Matiz (Gesundheitsfonds Steiermark); Bernadette Taucher, Stefan Pötz, Almut Frank und Johannes Koinig (KAGes); Elke Günther, Angelika Rzepka und Anton Dunzendorfer (AIT)
© Gesundheitsfonds Steiermark

Studie bestätigt Wirksamkeit

Laut einer Erhebung aus Tirol ist die Lebensqualität von HerzMobil-Patient*innen im Vergleich zu Patient*innen, die standardmäßig versorgt werden, deutlich höher. Auch konnte die Sterblichkeit und die Hospitalisierungen innerhalb eines Jahres gesenkt werden. Die absolute Risikoreduktion in zwölf Monaten beträgt für Tod 16 % (bei der relativen Risikoreduktion sind es 65 %). Bei der Wiederaufnahme ins Krankenhaus beträgt die absolute Risikoreduktion nach sechs Monaten neun Prozent (die relative Risikoreduktion liegt hier bei 39 %). Rein statistisch müssen sieben Patient*innen für drei Monate betreut werden, um einen Todesfall oder eine Hospitalisierung innerhalb eines Jahres zu verhindern („Number needed to treat“).

Lebensstil beeinflusst Therapieerfolg

Gerade bei Patient*innen mit Herzinsuffizienz nimmt der Lebensstil entscheidenden Einfluss auf den weiteren Verlauf der Erkrankung. Umso wichtiger ist es daher, dass die Patient*innen für sie relevante Informationen zum persönlichen Lebensstil erhalten und damit auch selbst Einfluss auf eine gute Lebensqualität trotz Erkrankung nehmen können. Und hier wirkt das HerzMobil-System unterstützend – einerseits durch die tägliche Erfassung der Vitalparameter und damit Auseinandersetzung mit der Erkrankung. Andererseits dient das HerzMobil-System als Kommunikationsplattform über welche auch motivierendes Feedback an die Patient*innen verschickt werden kann.

Deutlich geringere Kosten

Auch was die Kosten angeht, sprechen die Zahlen eine klare Sprache wie eine aktuelle Kosteneffektivitätsanalyse im Rahmen des D4Health Projektes, gefördert durch das Land Tirol, ergab. Ein gewonnenes Lebensjahr ohne Krankenhausaufnahme kostet bei HerzMobil Tirol pro Patient*in 4.773,- Euro. Eine entsprechende Sensitivitätsanalyse ergab sogar eine Einsparung durch HerzMobil pro Patient*in von 955,- Euro im Vergleich zur Standardtherapie bei Hierzinsuffizienz-Patient*innen. In Großbritannien werden Interventionen als kosteneffektiv bewertet, wenn sie sich unter 35.000,- Euro pro qualitätsgesichertem Lebensjahr bewegen. In den USA ist dieser Schwellenwert zwischen 90.000,- und 140.000,- Euro pro Patient*in und Jahr angesiedelt. Wenn man diese Vergleiche heranzieht, wird deutlich, dass Patient*innen außerordentlich kosteneffektiv versorgt werden können.

Integration ins ELGA-System

Derzeit wird in der Steiermark daran gearbeitet, die notwendigen Voraussetzungen für eine Integration von HerzMobil in die Regelversorgung umzusetzen. Ein wichtiger Schritt dazu ist der Telemonitoring Episodenbericht, welcher im Mai 2022 auch mit dem Living Standard Award ausgezeichnet wurde. Er macht es möglich, von Patient*innen in HerzMobil erfasste Messwerte auch in ELGA zu speichern. Dieser Telemonitoring Episodenbericht kann auch für andere telemedizinische Systeme verwendet werden. Dadurch können z. B. auch Hausärzt*innen und weitere behandelnde Gesundheitsdiensteanbieter zentral auf die Daten zugreifen und ihre Behandlungen noch gezielter an die jeweiligen Patient*innen anpassen. In Tirol werden seit Dezember 2022 bereits die ersten HerzMobil Episodenberichte in ELGA gestellt. Eine entsprechende Anbindung in der Steiermark wird gerade durch Expert*innen der KAGes gemeinsam mit AIT und telbiomed umgesetzt.

HerzMobil-Zentren in der ganzen Steiermark

„Die Nachfrage nach einer Teilnahme am HerzMobil-Programm ist groß. Derzeit werden rund 400 Patient*innen pro Jahr betreut. Insgesamt wurden seit 2019 weit über 700 Patient*innen begleitet. Das Feedback der Patientinnen und Patienten ist sehr gut und es besteht auch großes Interesse, das System über die Projektlaufzeit hinaus zu nutzen“, bestätigt Mediziner Stefan Pötz, Oberarzt und Kardiologe am LKH Hochsteiermark und Leiter von HerzMobil Steiermark.

  • In der Steiermark sind neun HerzMobil Zentren aktiv in der Versorgung von Patient*innen. In jedem dieser Zentren gibt es eine ärztliche- wie auch pflegerische Koordinationsstelle, die die Gesamtorganisation der Region übernehmen. Zentral geleitet wird dies über die ärztliche- und pflegerische Gesamtkoordination, die in der KAGes angesiedelt ist.
  • In der nächsten Phase werden alle Ordensspitäler mit Öffentlichkeitsrecht in das System integriert. Ein weiterer Schwerpunkt 2023 ist die Integrierung weiterer Netzwerkärzte, um die Spitalsambulanzen zu entlasten. Weiters erfolgt die Vorbereitung zur Regelfinanzierung.
  • Die Teilnahme am HerzMobil-Programm steht allen Herzinsuffizienz-Patient*innen offen, die die Einschlusskriterien erfüllen. (z. B. müssen Patient*innen in der Lage sein, ein Mobiltelefon zu nutzen, nähere Infos siehe herzmobil-steiermark.at.)

 

 Aufbauarbeit durch HerzMobil Tirol

„HerzMobil Tirol war unser erstes integriertes telemedizinisches Versorgungsprogramm am LIV Tirol. Hier wurde Aufbauarbeit geleistet, alle weiteren Programme profitieren davon“, weiß Bernhard Pfeifer, Vorstand LIV Tirol und Universitätsprofessor für Gesundheitsvernetzung und Telehealth an der UMIT-Tirol, und weiter: „Insgesamt wurden bisher mit HerzMobil Tirol über 1.000 Patient*innen betreut. Das durchschnittliche Alter der Patient*innen ist 67 Jahre. Im Programm beschäftigen wir 19 Pflegepersonen (10 VZÄ) und arbeiten mit 65 niedergelassenen Fachärzt*innen für Innere Medizin und Allgemeinmedizin zusammen. Eine enge Zusammenarbeit mit allen Tiroler Krankenanstalten und den internistischen Abteilungen sichern die Qualität des Programms und stellen eine zusätzliche Schnittstelle dar, um allen Tiroler Patient*innen gleichermaßen die Möglichkeit zur Aufnahme ins Programm bieten zu können. Durch die Teilnahmen am Programm gewinnen die Patient*innen Lebensmut, Sicherheit und Bewegungsfreiheit zurück. Sie können sichergehen, dass ihr Umgang mit der Erkrankung, ihr Lebensstil, ihre Essgewohnheiten sowie ihre Bewegungseinheiten optimal auf ihre Bedürfnisse und die ihrer Erkrankung abgestimmt sind. Dieses neuartige Behandlungsmodell schafft viele Gewinner im System“, so Pfeifer.

Wie genau funktioniert HerzMobil?

Die Patient*innen erhalten von einer auf Herzinsuffizienz spezialisierten Pflegeperson eine intensive Schulung über ihre Erkrankung und die Funktionsweise des telemonitorischen Systems. Auch ein oder bei Bedarf mehrere Hausbesuche sind Teil des Programms, das auf drei Monate mit Option auf sechs Monate angelegt ist.

  • Mit dem HerzMobil System können Patient*innen täglich gemessene Vitalparameter wie Blutdruck, Puls und Gewicht einfach und rasch übertragen. Auch das aktuelle Befinden und die Medikamenteneinnahme wird erhoben und ins zentrale Netzwerk übertragen.
  • Die „Herzinsuffizienz-DGKP“ überwacht die Werte, telefoniert mit den Patient*innen, passt nach Rücksprache mit dem*der betreuenden Arzt*Ärztin die Medikamentendosis an etc.
  • Die Adhärenz, also die Bereitschaft der Patient*innen, an der Therapie mitzuwirken, erhöht sich durch HerzMobil wesentlich. Einfach deshalb, weil im Alltag das richtige Verhalten bei Veränderungen der Vitalparameter oder des Befindens besprochen wird, zum Beispiel: „Was kann eine plötzliche Gewichtszunahme bedeuten, wie verhalte ich mich bei einem Infekt mit Fieber, was mache ich bei auftretendem Schwindel?“
  • Das begleitende Schulungsprogramm ist interdisziplinär- und multidisziplinär angelegt. Es geht darum, möglichst alle Bereiche, die Einfluss auf die Erkrankung haben können, zu besprechen. Von Bewegung und Ernährung über Sexualität bis hin zu Impfungen. Bei Bedarf werden die Patient*innen anderen Spezialisten zugewiesen.