„Mehr Medizin“ ist nicht automatisch besser

„Nicht jedes Ziehen im Knie wird am besten mit einer OP behandelt“, ist Herwig Ostermann überzeugt. Der Gesundheitsökonom und Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH ist einer der Keynoter bei der Gesundheitskonferenz am 9. Juni 2026 in Graz.

Im Vorfeld der Veranstaltung spricht er über Überversorgung, falsche Anreize und darüber, warum „weniger Medizin“ den Nutzen für Patientinnen und Patienten sogar erhöhen kann.

Herr Ostermann, was konkret versteht man unter „Überversorgung“?

In der evidenzbasierten Medizin geht es immer um die Frage: Hat eine Leistung, eine Therapie oder eine Medikation einen nachgewiesenen Nutzen für die Patientin oder den Patienten? Und steht der Nutzen in einem angemessenen Verhältnis, verglichen mit anderen Alternativen? Das sind die zentralen Fragen und durch diese Abwägungen versucht man sicherzugehen, mit den begrenzten Ressourcen im Gesundheitssystem den größtmögliche Gesundheitsnutzen für die Bevölkerung zu erzielen.

Wo sehen Sie in Österreich Beispiele für Überversorgung?

Österreich hat im EU-Vergleich etwa eineinhalb Mal so viele Hüftprothesen und zählt auch bei den Knieprothesen sowie MRT- und CT-Untersuchungen zu den Spitzenreitern. Gleichzeitig haben wir deutlich höhere Hospitalisierungsraten als etwa die Niederlande – bei uns sind es im Schnitt 190 pro Tag, in den Niederlanden 80. Da müssen wir näher hinschauen. Nicht jede Leistung oder jeder Eingriff bringt automatisch einen zusätzlichen Nutzen für jede Patientin oder jeden Patienten und dient damit der Verbesserung deren Gesundheit und/oder Lebensqualität. Im schlimmsten Fall kann Überversorgung sogar für Patientinnen und Patienten zu Nachteilen führen.

Herwig Ostermann

Herwig Ostermann ist Gesundheitsökonom und Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH.
© Ettl 

Wann wäre das zum Beispiel der Fall?

Verschiedene medizinische Leistungen, wie etwa operative Eingriffe, sind häufig mit einem Restrisiko verbunden. Es gibt Fälle, etwa im orthopädischen Bereich, wo mit konservativen Maßnahmen vergleichbare und sogar bessere Ergebnisse bei geringeren Risiken erzielt werden können. Auch bei Antibiotika wissen wir: Je gezielter und bedachter wir sie einsetzen, desto wirksamer bleiben sie. Ein anderes Beispiel sind etwa gewisse bildgebende Verfahren, die mit Strahlenbelastung verbunden sind, und – wenn nicht indiziert – unnötigen Aufwand für System und Patientinnen und Patienten ohne weiteren Benefit verursachen. Oder Wechselwirkungen von Medikamenten, Stichwort Polypharmazie.

Wie geht man im Gesundheitssystem mit den begrenzten Ressourcen bzw. der Überversorgung um?

Wir versuchen schon jetzt, Leistungen im öffentlichen System daran auszurichten, ob sie einen nachgewiesenen Nutzen für Patientinnen und Patienten bringen. Gleichzeitig sehen wir, dass bestimmte Leistungen ohne nachgewiesenen Nutzen im Bereich der privatmedizinischen Versorgung weiterhin angeboten werden. Daraus entsteht ein Spannungsfeld. Entscheidend sollte unabhängig von der Finanzierung immer sein, dass medizinische Leistungen evidenzbasiert eingesetzt werden.

Nicht immer von Vorteil sind die leistungsbezogenen Vergütungssysteme, die wir derzeit sowohl bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, als auch in den Krankenhäusern haben. Diese Systeme schaffen gewisse ökonomische Anreize zur Leistungsmengenausweitung. Wichtig wäre hier eine hohe Transparenz bei der regionalen Verteilung bestimmter Leistungen, ähnlich der Versorgungsatlanten in Deutschland, in denen regionale Unterschiede sichtbar werden. So kann man gezielt und faktenbasiert diskutieren, warum bestimmte Leistungen in manchen Regionen deutlich häufiger erbracht werden als anderswo.

Welche Rolle spielen Leitlinien für Ärztinnen und Ärzte?

Das ist ein sehr zentraler Punkt. Leitlinien helfen dabei, medizinische Entscheidungen stärker an wissenschaftlicher Evidenz auszurichten. Aktuell wird etwa in der Prostata-Vorsorge diskutiert, das Überprüfungsintervall für Patienten aus der niedrigen Risikogruppe auf fünf Jahre zu höhen, da eine jährliche Vorsorge-Untersuchung keinen Nutzen bringt – sie wäre ein unnötiger Aufwand für Patienten und außerdem gibt es das Risiko von falsch-positiven Ergebnissen. Das müssen wir den Patientinnen und Patienten natürlich gut kommunizieren…

Stichwort Kommunikation: Wie verhindert man, dass sich die Bevölkerung „unterversorgt“ fühlt?

Ganz wichtig ist eine gut ausgebaute Primärversorgung, die ein kontinuierliches Versorgungssetting für die Patientinnen und Patienten ermöglicht. Ein Arzt oder einer Ärztin, dem bzw. der man vertraut, kann verständlich vermitteln, dass nicht jede Kniebeschwerde automatisch ein MRT braucht oder gar zwingend sofort mit einer Operation behandelt werden muss. Auch überschätzen viele Menschen die Möglichkeiten der modernen Medizin und erwarten, dass jede Erkrankung sofort und vollständig behandelt wird. Aber gute Medizin bedeutet oft auch, bewusst medizinische Leistungen zu vermeiden, die keinen individuellen Nutzen bringen. Maßvoller Ressourceneinsatz bedeutet nicht schlechtere Versorgung – ganz im Gegenteil: Er kann die Gesundheit der Bevölkerung sogar erhöhen.